Nach der Antwort auf die Frage, was ist Brasilien, bin ich schon lange der suche. Klar, hier ist alles etwas anderes, die Leute sehen nicht gleich aus und auch sonst ist alles ein bisschen chaotisch. Auch fallen einem im ersten Moment massenhaft Klischees wie hübsche Frauen, Fußball und Ferien am Traumstränden ein. Aber was beschreibt das schon? Dass hier alles anders ist, dass die meisten Menschen schwarze Haare haben und eine andere Sprache sprechen könnte einen auch auf Indien tippen lassen.
Auf meiner Reise durch Brasilien habe ich einen Auszug der unglaublichen Mannigfaltigkeit kennen gelernt. Die Reise in den Nordosten Brasiliens war wie die Reise in ein anderes Land und wenn ich jetzt Bilder und Berichte von anderen Freiwilligen höre, die zum Amazonas hochgefahren sind, dann entsteht bei mit der Eindruck, dass diese Freiwilligen von einem noch ganz anderen Land erzählen, aber nicht von dem Brasilien, so wie ich es bis jetzt kennen gelernt habe, hier in Sao Paulo. Aber was bringt einem schon die Aussagen, Brasilien ist so Vielfältig, wenn man eigentlich sagen will: Das ist Brasilien! - es gibt ja schließlich auch nicht alles in Brasilien und über einigen Dingen müsste man doch sagen können, dass sie den Charme und die Mentalität des Landes ausmachen. Kurz. Knapp. Treffend.
Letzten Samstag wurde mein Handy in der Paidéia nach einer Musikshow geklaut. Zugegeben, es war auch teilweise meine Schuld, denn ich habe es zum Abbau nach der Show auf einen Stuhl im Theater gelegt und es befand sich noch ein kleines Retspublikum der Jugendgruppe “Moleque de Rua” – Straßenbängel – dort. Jedoch war es leider weg, zusammen mit meinen gespeicherten Nummern und meiner eigenen Handynummer, sprich meiner Sim-Karte. Eine ziemlich ärgerliche Sache, denn jeder meiner Freunde und Bekannten in Brasilien ruft mich unter dieser Nummer an und auch ich rufe jeden mit seiner in meinem Handy gespeicherte Nummer an.
Um nun meine Nummer wieder zu bekommen, wurde mir gesagt, dass ich nur zu Tim gehen müsste, meinem Handyanbieter, da würde man schon alles für mich regeln. Nach zwei gescheiterten Versuchen meine Sim-Karte wieder zu bekommen, da ich mich nicht ausweisen konnte, kam ich diesmal mit meinem brasilianischen Ausweis im Tim Laden in dem Shopping direkt neben der Paidéia an. Durch meine Wohnzeit in der Paidéia kennt mich zum Glück fast jedes Geschäft im Shopping, so auch der Tim Laden, in dem ich immer mein Handy aufgeladen hatte und wo ich diesmal schon händeschüttelnd von Christiano begrüßt wurde.
Ich erklärte Christiano mein Problem und er versicherte mir, dass dies alles keine Schwierigkeiten seinen: tudo tranquilo. Dann stellte er leider fest, dass meine Sim-Karte nicht auf mich registriert war, sondern auf Pedro, einen Freund, der nun in Deutschland studiert, unerreichbar für mich ist, der mir damals den Handyship gekauft hatte, weil ich es ohne einen festen Wohnsitz und einem Touristenausweis (fehlende CPF Nummer) nicht hätte tun können. Natürlich hätte ich genau in dieser Situation ihn zusammen mit seinem Ausweis gebraucht, um den neuen Ship zu beantragen. Ich gab die Hoffnung schon auf jemals meine alte Nummer wieder zu bekommen, verfluchte den jenigen, der mir mein Handy geklaut hatte, doch plötzlich, nach einer Stunde warten, hielt ich eine neuen Sim-Karte mit meiner alten Nummer in meiner Hand. Ich, überglücklich, verließ den Tim Laden und war noch immer erstaunt, was passiert war: Christiano hatte den Besitzer der Handykarte auf sich geändert, diese als verloren gemeldet, sodass er mir schließlich eine neue Karte mit meiner alten Nummer ausstellen konnte. Das Handy ist nun immer noch auf seinen Namen registriert und ich musste ihm versichern, dass ich keine Kontakte zur deutschen Mafia habe.
Eine andere Geschichte, die mir an diesem Tag passiert ist, ereignete sich in einem Chilli Beans Laden. Vor meinem Urlaub schon hatte ich mir eine Sonnenbrille bei Chilli Beans in einem anderen Shopping gekauft. Leider fiel mir diese Brille beim Warten auf einen Aufzug in Salvador auf den Boden, sodass sie einige Kratzer auf dem linken Glas abbekam. Ich ärgerte mich sehr und musste dann auch noch feststellen, dass sich die beiden Brillengläser ein wenig gelöst hatten.
Als ich die Rolltreppe zum Tim Laden herauffuhr, sah ich plötzlich, dass ein neuer Chilli Beans Laden in diesem Shopping eröffnet hatte. Ich ging kurz in den Laden hinein, wurde mit einem lässigen “Beleza” begrüßt und fragte, ob die sich lösenden Brillengläser ein Garantiefall seien. Er schaute sich die Brille an, stimmte mir zu und fragte mich, ob ich den Kaufbelegt dabei hätte. Ich erklärte ihm, dass dieser bei mir zu Hause läge, ich aber morgen wieder kommen könnte, um die Brille umzutauschen. Er ging daraufhin zum Regal im Laden, holte die gleiche Brille, gab sie mir in die Hand und fragte mich, wie lange ich noch in der Paidéia arbeiten würde. Er war einer der neuen Jugendlichen vom letzten Samstag, den ich überhaupt nicht bemerkt hatte.
Ich finde, dass diese beiden Geschichte ein wenig das wieder spiegeln, was ich als sehr typisch brasilianisch empfinde: Man ist immer bemüht eine praktische Lösung für Probleme zu finden, Brasilianer sind einfach Meister im Improvisieren. Natürlich ist es immer besser, wenn man irgendjemanden irgendwie kennt und man schon Kontakt aufgebaut hat, aber selbst im Bus, wenn man nicht das passende Geld hat, wird immer eine Lösung gefunden. Für mich sind es einfach diese hilfsbereiten zwischenmenschlichen Kleinigkeiten im Alltag, die das brasilianische Leben bestimmen und so schön machen. Mal unterhält man sich mit dem Wachmann am Tor, mal mit der Frau an der Kasse der Bäckerei, die einem nach drei Monaten, nachdem man wieder in die Bäckerei kommt, sagt: “Freut mich, dich hier zu treffen”. Egal, wo ich auf meiner Reise durch Brasilien langgekommen bin und egal wo die anderen Freiwilligen hingefahren sind, jeder hat ähnliche Erfahrungen auf seiner Reise gemacht und jeder macht sie alltäglich.
Das ist Brasilien, Improvisation!